Was ist ein “echter” Yogi?

Ich verbringe ja viel Zeit auf Instagram mit meinem Yogachannel, und bekomme ganz viel von anderen Yogis mit. Und ich muss zugeben – manchmal fühle ich mich ganz schön mies, wenn ich mich mit den Bildern der anderen vergleiche.

Aber wieso ist das so? Ich weiß, dass die Bilder, die veröffentlicht werden, eine Momentaufnahme sind – der tolle Handstand vielleicht nur ein gut getimter Screencap eines Videos, das ansonsten sehr wackelig ist. Genauso mit den tollen Rückbeugen, oder Splits, oder Armbalancen. Es gibt den Spruch “Vergleiche nicht deine behind-the-scenes mit dem highlight-reel von anderen” und das trifft auf Soziale Medien absolut zu.

Ich bin dafür, dass wir die breite Realität abbilden – normale Menschen, normale Körper, normale Positionen. Nicht jeder kann die schwersten Variationen der Positionen, und das ist auch gar nicht notwendig. Bei Yoga geht es um die Reise zum Inneren, während man an den Asanas arbeitet, und nicht darum, die Position möglichst flashy darzustellen. Bei manchen Verrenkungen, die ich so sehe, mache ich mir eher Sorgen, welche Auswirkungen das auf jemanden haben könnte, der nicht so viel Hintergrundwissen hat. Nicht jeder Körper ist dafür gemacht, jede Rückbeuge genauso weit zu machen. Nicht jede Hüfte kann gleich weit öffnen und kann Spagate in alle Richtungen machen. Wir sind rein körperlich, anatomisch, alle unterschiedlich, und durch die Stellung unserer Gelenke, die Länge unserer Knochen und die Beschaffenheit unseres Bindegewebes werden gewisse Bewegungen eingeschränkt. Wer das nicht weiß, und nur das Bild einer super-tiefen Rückbeuge sieht und es auch genauso tief machen möchte, läuft Gefahr sich schwer zu verletzen.

Ein weiterer Punkt, der mir immer wieder ein wenig aufstößt, ist die Kleidung. Nur weil ich die neusten, am heftigsten beworbenen Yogaleggings trage, macht mich das nicht zu einem besseren oder schlechteren Yogi. Ich persönlich bin der Meinung, dass es vollkommen egal ist, ob ich eine enge Leggings oder eine schlabbrige Kuschelhose anhabe – es kommt nur auf die Funktionalität an. Eine weite, rutschige Hose ist vielleicht bei Armbalancen nicht so praktisch, aber ansonsten gibt es keine Regelung die besagt, dass mein Outfit farblich perfekt aufeinander abgestimmt sein muss, eine bestimmte Marke sein muss, oder bauchfrei/kurz/lang/eng/weit/was auch immer sein muss.

Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mich mit den Bildern von anderen Yogis vergleiche. Wie ich meine kleinen Speckröllchen nicht mag und deshalb keine bauchfreien Bilder/Videos posten möchte. Wie ich gefühlt stundenlang meine Outfits plane, wenn ich Yogaviedeos drehe. Wie ich mir Gedanken mache über mein Haarstyling vor dem Videodreh. Aber mal ganz ehrlich: ich trage im Alltag fast immer Pferdeschwanz oder lockeren Knoten, wieso sollte ich für die Videos irgendwas anders machen? Ich möchte nicht Unmengen an Geld ausgeben für teure Yogakleidung, wenn es die 30 Euro Hose genauso gut tut. Ich möchte mich nicht schlecht fühlen für meinen Körper, wo er doch so tolle Dinge leistet. Ich erkenne Fortschritt in meinen Positionen. Wenn wir uns vornüber beugen, hat jeder kleine Röllchen, wieso also fühle ich mich schlecht?

Du hast einen Körper. Du machst Yoga. Du bewegst dich. Das sollte es doch sein, was es ausmacht, oder?